Im Interview: Stadtrat Detlef Wend

Veröffentlicht am 20.03.2010 in Kommunalpolitik

In der vergangenen Ausgabe des blick.punkt fand unser Stadtrat Robert Bonan zum einen deutliche Worte gegenüber einigen Vertretern im Stadtrat und zum anderen überraschte er mit seinen musikalischen Vorlieben. Diesmal haben wir Detlef Wend, dem zweiten der vier Neulinge in unserer Stadtratsfraktion, auf den Zahn gefühlt.

die Fragen stellte Marcus Schlegelmilch, blick.punkt

Lieber Detlef, die Mitgliedschaft in der SPD ist nicht Deine erste Parteizugehörigkeit? Welche Beweggründe haben Dich einst zu den Grünen geführt?

Politisch wurde ich Anfang der 1980er Jahre sozialisiert. Die zentralen Themen der politischen Debatte waren die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraftbewegung. Abgehobene Politiker wie Strauß versuchten gegen die Bevölkerung Politik zu machen. In der Gesellschaft herrschte eine Ablehnung gegen die etablierten Politiker, die – ob CDU, SPD oder FDP – mit ähnlichen Phrasen und ähnlichem Outfit einander wie Abziehbilder glichen. Die Grünen hatten, was das Thema ökologische Erneuerung anging, einfach die besten Ideen und waren ein Sammelbecken für Menschen, die eine gesellschaftliche Erneuerung suchten. Wer zu meiner Oberstufenzeit Mitglied der Jungen Union war, galt als Ausbund von Langeweile und Spießigkeit!

Es wird viel über den Zustand der SPD geredet – zu oft öffentlich, gelegentlich zu wenig innerhalb der Partei…

…ganz genau! Es gibt viel zu wenig produktive interne Diskussionen. Daher war ich schon sehr früh für eine Vollversammlung aller Mitglieder nach der Bundestagswahl. Bei uns in der SPD wird eine Fehleranalyse leider zu oft mit Nestbeschmutzung verwechselt. In der Medizin heißt es so schön: vor die Therapie hat der liebe Gott die Diagnose gesetzt. Also müssen auch wir in der SPD überlegen, was falsch gelaufen ist und warum uns Wähler und Mitglieder weglaufen. Unter Schröder haben wir die Öffnung Deutschlands für die Finanzmärkte selbst ermöglicht, die wir nun wieder geißeln. Allein die Privatisierung der Bahn betreiben zu wollen, war eine unglaubliche Misshandlung sozialdemokratischer Grundsätze. Wer da aktiv war, sollte die nächsten vier Jahre einfach mal in sich gehen und nicht wieder nach Parteiämtern gieren. Wir müssen als Partei einer solidarischen Gesellschaft erkennbar werden und nicht als Erfüllungsgehilfen so genannter Wirtschaftseliten.

Warum lohnt es sich für die SPD aktiv einzutreten?

Deutschland ist ein Staats- und Sozialgebilde von unglaublicher Leistungskraft. Unsere Gesellschaft bietet ein hohes Maß an Selbstbestimmung und damit die Freiheit seinen Lebensweg frei zu wählen. Bildung und soziale Absicherung sind dafür die Grundvoraussetzung. Daran hatte die SPD einen großen Anteil. Wir brauchen einen starken Staat, der sich gegen die Allgemeinvergessenheit der privaten Wohlstandsvermehrer an den Börsen und in den Banken dieses Landes durchsetzen kann. Wer das nicht will, der schaue nur Richtung USA, da ist eine unsolidarische Gesellschaft zu besichtigen und etwas südlicher können dann außer Kontrolle geratene Gesellschaften bestaunt werden. Es ist die Essenz der sozialdemokratischen Idee, ein gemeinschaftliches Wohlergehen für alle anzustreben ohne dabei den Leistungsgedanken und Wettbewerb zu vergessen. Übrigens kann ich mich an keine gesellschaftlich innovative Idee der CDU in den letzten 30 Jahren erinnern. Die politische Phantasie war schon immer links!

Du vertrittst die Fraktion im Kultur- und Rechnungsprüfungsausschuss. Wie verstehst Du Dein Engagement im Stadtrat: als Lehrling, Lernender oder doch Parteisoldat?

Natürlich als Lernender! Es ist ja alles neu. Dem Soldatentum bin ich schon durch Zivildienst entwischt, dazu tauge ich nicht. Natürlich gehört ein geschlossenes Auftreten der Fraktion zu einer gelungenen Erscheinung. Aber wir sind elf unterschiedliche Köpfe und da gibt es auch differente Meinungen. Der Kulturausschuss ist sehr spannend und es werden relevante Themen unserer Stadt diskutiert und entschieden. Naturgemäß ist der Rechnungsprüfungsausschuss trockene Materie, aber dennoch ist hier Aufmerksamkeit gefragt. Die strukturelle Unterfinanzierung unserer Stadt durchzieht dabei eigentlich jeden Ausschuss.

Im November hast Du Dietmar Weihrich (Stadtrat Bündnis 90/Die Grünen) ein Buchgeschenk in der Sitzung überreicht. Hast Du Freude am Karikieren der Verhältnisse im Rat?

Vielleicht bin ich manchmal zu ironisch, aber der Rat sollte nicht dazu missbraucht werden, stundenlang über die ökologische Qualität des Papiers zu diskutieren, auf dem die Anträge stehen. Die eitlen Auftritte mancher Stadträte sind ermüdend und kontraproduktiv. Auch die mangelnde Professionalität des Stadtratsvorsitzenden hat mich sehr überrascht. Absurd ist es auch, der OB mangelnde Haushaltskonsolidierung vorzuwerfen und gleichzeitig jede wie auch immer geartete Sparmaßnahme abzulehnen. Es mag nicht alles perfekt sein, was Dagmar dem Stadtrat anbietet, aber diese permanente Lust an Demontageversuchen der übrigen Fraktionen sind ermüdend, kindisch und lassen den Rat bei den Bürgern lächerlich erscheinen.

Auf dem Parteitag im November hast Du für den Stadtvorstand kandidiert - ohne Erfolg. Welche Wünsche hat der Stadtrat Detlef Wend an den Stadtvorstand?

Tragt die politische Diskussion in die Stadt! Seid präsent in der politischen Diskussion! Strebt die Meinungsführerschaft in der Stadt an! Besetzt Themen! Ratsfraktion, Ortsvereine und Stadtvorstand müssen miteinander verbunden agieren! Auf diesen drei Strukturen ruht die SPD in Halle und sie ruht leider zuviel darauf. Hier ist Austausch und Miteinander nötig. Wir brauchen dringend mehr Vollversammlungen um eine lebendige Debatte in der Partei zu bekommen.

In der letzten Ausgabe des blick.punkt überraschte Dein Fraktionskollege Robert Bonan mit seinem Musikgeschmack. Was ist für Dich ‚gute’ Musik?

Was soll ich sagen? Alles mit Klarinette außer Schuhplattler? Nein, gute Musik ob Klassik, Jazz oder so genannte U-Musik gefällt mir durch Intensität und Ausdrucksstärke. Das kann eine fulminante Brahms-Sinfonie aber auch ein intimes Chet Baker solo sein.

Detlef Wend wurde als viertes von fünf Kindern 1963 in Bielefeld geboren. Nach dem Abitur 1983, absolvierte er seinen Zivildienst und studierte drei Semester Physik. 1986 wechselte er für das Medizinstudium nach Würzburg. Nach Abschluss seines Studiums begann er 1994 seine Assistenzausbildung an der MLU. Von 2000 bis 2002 absolvierte er ein Fernstudium in Magdeburg (Angewandte Gesundheitswissenschaft). Nach bestandener Facharztprüfung (2001) eröffnete er 2002 seine eigene Kinderarztpraxis in der Poliklinik am Reileck. Neben seinen Ehrenämter in der SPD (stellvertretender OV-Vorsitzender in Nordost und Mitglied ‚Demokratische Linke 21’) ist er im Vorstand des hiesigen Deutschen Kinderschutzbundes vertreten.

 
 

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